| Home | Duo | Programm | Presse | Kontakt |
![]() |
Biographisches zu Mauricio Kagel |
| Mauricio Kagel, geboren 1931, ist unter den großen Komponisten zeitgenössischer Musik sicherlich einer der faszinierendsten - schon wegen der beeindruckenden Vielseitigkeit seines Oeuvres, wie sie sich in der Komposition höchst unterschiedlicher Instrumental-Besetzungen, Bühnenwerke, Filme und Hörspiele zeigt. Nach dem frühen Hauptwerk, der Kantate ANAGRAMA war Kagels Thema zunächst das musikalische Theater und die Theatralisierung der Musik. Um 1960 begründete er das Instrumentale Theater und setzte sich in Stücken wie ACUSTICA und ZWEI-MANN-ORCHESTER nicht nur mit neuen Klangbereichen und ungewohnten Instrumentalisierungen auseinander, sondern auch, wie in der epochalen Komposition STAATSTHEATER, mit Bewegung, Licht und Bühnenbild. |
| Mauricio Kagel widmete dem DUO BRUCK-ROSS die
Komposition TACTIL per tre, die sie gemeinsam in weit
über hundert Aufführungen rund um die Welt spielten. (weitere Infos: www.editionpeters.de ) |
|
| Nachruf zu
Lebzeiten Ein Plagiat von Theodor Ross "Ich werde drei Wochen für mich haben. Heißt das grausam behandelt werden?" (Franz Kafka,´ Tagebuch `,1916) Das Faszinosum Kagel hat den privaten Kagel verzehrt. Letzteren gibt es schon lange nicht mehr. Dabei von einem Verlust zu sprechen wäre falsch: nur so war das erstere zu haben. In der Unterhaltung bleibt er selten bei den ihn umgebenden Menschen, sondern drängt in das Reich seiner Klanggestalten. Dabei nutzt er flink die Zeit, weiterzuarbeiten an den Gedankenkomplexen, die ihn in Bann halten. Nie aber erörtert er oder berät sich mit anderen über seine Pläne: das wäre nutzlos und Zeitverschwendung. Für Fertiges sucht er hingegen seriös nach der Kritik der ihm Vertrauten, bereit, mit Argumenten zu verteidigen oder auch zu ändern. Ist ihm sein Gegenüber als Gesprächspartner untauglich, dann begibt er sich, und das ist genialisch-wesentlicher Bestandteil seiner Ökonomie wie Höflichkeit, in einen gesprochenen inneren Monolog, in welchem er überdenkt, erläutert, in Frage stellt, weiterführt, was ihm gerade für die einsame Arbeit des Komponierens dienlich ist: gleichsam dem Niederschreiben enthobene Marginalien zu seinem Werk. Der durch die Bizarrheit und Geschwindigkeit der mit Logik verknüpften Gedankenfolgen verblüffte Zuhörer bleibt doch immerhin, wenn er nicht eine Vertiefung seines Verständnisses der Werke Kagels davon ableiten kann, ein -mit dem Vertrauen begreifen zu können- Beschenkter. Der Dämon Kagels mit seiner heiligen Neugier, seinem Zwang zur Arbeitsamkeit und Bewußtheit schläft gewiß auch in seinen Träumen nicht ein. Er besitzt die Fähigkeit, sich im Traume zu kritisieren und zu erwecken. Er hört sich dort so geistreich sprechen wie im Wachen und schreitet mit geschlossenen Augen ebenso wie mit offenen auf die Rätsel der noch zu erfüllenden Aufgaben zu. Er kommt in seinem Bewußtsein niemals und nirgens von seiner metaphysischen Gestalt los. Er erweckt Kollegen vergangener Jahrhunderte zum Leben, tritt mit ihnen in Dialog, läßt sie heiliggesprochen sein, komponiert sich sein Requiem, setzt seinen Tod in Szene und stellt ihn selbst auf der Bühne dar gleich einer scharmanistischen Beschwörung gegen den Tod: FINALE "Ein segmentartiges Stück ist ihm aus dem Hinterkopf herausgeschnitten. Mit der Sonne schaut die ganze Welt hinein. Ihn macht es nervös, es lenkt ihn von der Arbeit ab, auch ärgert er sich, daß gerade er von dem Schauspiel ausgeschlossen sein soll." (Franz Kafka, ´Tagebuch`, 1920) Er spürt, daß er auf einem von ihm selbst entzündeten Scheiterhaufen liegt und sich selbst zum Opfer bringt. Brillen helfen ihm wie zerbrochene Krücken. Mitten in der Arbeit kann er, trauernd über einen Todesfall, fortfahren. Traurigkeit des Alltags reicht nicht in die Erfindung seiner humorig-tragischen Musik hinein. Ein Seelen-Orang-Utan ist er, wenn man sich seine Kraft und den Instinkt für das, was seinen Zwecken frommt, vergegenwärtigt. Er sitzt in seinen tropischen Urwäldern wildwuchernder Gleichnisse, Gedanken, Gefühle, Bilder, Klänge, in dem vermessenen Unterfangen, sie mit seinen zwei Armen zu roden, um dann neue anzupflanzen. Wer will sagen, er irre in seinen Mitteln und Methoden, da er sie sich aus Verhängnis zudiktieren muß. Komponist sein heißt ihm die bestehende Welt in ihrem Jetzt und ihrer historischen Bedingtheit zu durchdenken, zu durchfühlen, um dann eine neue, klingende Realität in äußerster Gedrängtheit und mit äußerster Fülle der Einzelheiten zu schaffen. Aus der Forderung ergibt sich die Methode. Um Zeit zu sparen, ist er auf das zweckmäßigste eingerichtet. Auch Geldsorgenersparnis ist Zeitökonomie. Grausam, unerbittlich muß die Zeit ausgepreßt werden. Die Arbeit muß nach einer raffinierten Systematik eingeteilt, ihre Hilfsmittel ständig bereichert und verfeinert werden. Erschlaffung und etwaige Melancholien sind durch einen angeborenen oder aber eigensinnig ertrotzten und stoisch bewahrten Optimismus auszuschalten! Dabei wird er nicht stolz, bleibt nur unerschütterlich. Der graue Arbeitsriese, muß er nicht freudlose Verdammung fühlen wie ein Industriearbeiter, abhängig von Stundenlohn und von der Materie, zu welcher auch der fronende, geschäftliche Geist wird? Nein, er vertraut dem Instinkt seines Schicksals und läßt sich von ihm verzaubern. Er springt wie eine selbsterfundene, sich selbst gestaltende Person aus dem Ich hinaus. Das ist vielleicht die genialste Tat. Es gehört alles zum Metier. Er ist der Pickelhering der alten Komödien, er vertritt den erklärenden, ermahnenden, hymnisch erhabenen Chor der antiken Tragödien. Er ist bald etwas wie Wagner im "Faust", bald ist er ein Mephistopheles. Er verfolgt mißtrauisch jede Gefahr. Ehrliche Angst erzwingt den Wahlspruch: Schreibe nichts schnell und ohne Anstrengung; die Gewohnheit nimmt sonst das Vermögen. Nicht die Quantität, die Intensität macht ihm das riesige Oeuvre so schwer. Er läßt seinen Stoffberg nicht ruhen. Sogar abgeschlossene, häufig aufgeführte, längst gedruckte Werke lassen ihm keinen Frieden; Zettel mit Korrekturen, Änderungen, Verbesserungen schichten sich. "Das Gefühl haben, gebunden zu sein, und gleichzeitig das andere, daß, wenn man losgebunden würde, es noch ärger äwäre." (Franz Kafka, ´Tagebuch`, 1910) Seinen Interpreten verlangt er ab, was sie nicht beherrschen, ja, was sie gelernt haben zu vermeiden. Aber er läßt sie nicht allein in ihren so begrenzten Fähigkeiten; er lehrt sie die Grenzüberschreitung, den Hinzugewinn, zeigt ihnen den Weg in brachliegendes Niemandsland. Andererseits genießt er das Individuelle, das Spezifische in jedem, bezieht es auf sein Werk, gleicht dieses sogar, wo es tunlich ist, solchen Gegebenheiten an, läßt es in seine Kompositionen einmünden. Die Achtung vor dem Anderssein, selbst dem des ihm Unsympatischen, aber auch die Angst, das Gold im Gestein übersehen zu können, der unstillbare Hunger, dieses andere dem Ich als erweiternde Komplexität hinzuzugewinnen, ist eine Quelle seines Reichtums. Kagel schraubt die Schwäche anderer nie ins Lächerliche, sondern antwortet darauf teilnehmend ernst. "Was nachzuahmen ist, verdient nicht nachgeahmt, sondern höchstens verziehen zu werden." (Jean Paul, ´Vorschule der Aesthetik`, 1804/1813) Der Tag zeigt die Welt offen in ihrem krausen Humor, die Nacht in ihrem bestirnten Ernst, ihrer Stille, in ihrer zusammengefaßten Einheit. Der Komponist Kagel macht das Doppelgesicht der Welt zum Symbol seiner Art, pflegt und entwickelt es in klarem Bewußtsein. Auf seine Weise sucht er immer die heiter und ernst beleuchtete Welt ins Gleichgewicht zu bringen. Mitten in entrückter Dithyrambik macht er eine nüchterne, pedantische Fußnote, und umgekehrt: Grimmig zerhackter und endlos hingeschleuderter Kleinkram des Lebens durchflirrt wie besonnter Staub den Lichtkegel einer unendlichen Perspektive. Im zweiten Fall atmet er die Welt wie verbrauchte Luft aus, im ersten atmet er sie wie frische ein in das verborgene, lebenschaffende Dunkel. Eins von beiden verbieten heißt aber töten. Nicht vorab werten und verwerfen, wie es politischer, philosophischer, religiöser Spießermoral entspräche, nein, alles zulassen und es dann in geeignete Form umwerten: Nur so läßt sich selbst der eigene Tod als "Material" erträumen. Die totale Gleichartigkeit all dessen, was irgend gestattet werden kann, ist nun gesichert. Das ist der Grund der Unnachahmlichkeit Mauricio Kagels. Ihm ist Originalität nie ein Problem geworden. Die Konsequenz der innigsten Verquickung von inkongruenten Ideenmaterialien -eigener, fremder, historischer und zeitgenössischer- hebt die kunsthistorisch noch relativ junge Fragestellung nach dem geistigen Eigentum auf: In einer Komposition Kagels wird alles in gleich hohem Maße sein Eigentum. Aus dieser Gewißheit heraus kann er Materialien anderer Komponisten verwenden, ohne Plagiator, oder schlimmer, Epigone zu werden. "Die vereinzelte Augenblicksbeobachtung ´Kastagnettenrhythmus der Kinder in Holzschuhen` hat eine solche Wirkung gemacht, daß es undenkbar ist, daß jemand, wenn er auch diese Bemerkung nie gelesen hätte, diese Beobachtung als eigene Originalidee fühlen könnte." (Franz Kafka, ´Tagebuch`, 1911) Kagels DRESSUR belegt das Gegenteil. Er kann sich für seine als Stil nicht festmachbare Art keine Schüler wünschen. Und einige durchaus namhafte seiner Komponistenkollegen, die sich der Versuchung der Nachahmung nicht ganz enthielten, scheiterten in bedauernswerter Kläglichkeit. Kagels Heroismus, sich durch das Narkotikum grausamen Abschließens aufzuschwingen, erscheint zugleich als gewalttätiger Egoismus. Die Arbeitsgelage mit sich selbst bringen ihn in den Zustand, in dem alles schöpferisch ineinanderklingt, in dem sich Chaos harmonisieren läßt. Nach der Arbeit bleibt das "Wie" ihm selbst ein Rätsel. Die schöpferische Einsamkeit ist ihm eine metaphysische Gewalt, die mit derselben Heftigkeit gute oder böse Ideen immer wilder in ihm anfeuert, bis sie in restloser Gestaltung Körper gewonnen haben. Das Reich der Begeisterung ist gleichmäßig von einem Äther durchdrungen, welcher alles in ihm Enthaltene zu seinen spezifischen Wirkungen bringt. Die kausalen Zusammenhänge deckt er nicht nach ihrer Entfaltung in ein Nacheinander und Nebeneinander auf, sondern nach ihrer dynamischen Tendenz. Dadurch geschieht es, daß ihm keine behagliche Ordnung in seinen Werken gerät. Lieber springt er, fliegt er. Er sucht nicht den kargen, ins Musikalische geformten Ausschnitt aus der Fülle des Weltdaseins klar und rein zu umschränken, vielmehr ihn zu öffnen und die Grenzen, soweit es irgend angeht, ins Unausmeßliche hinauszurücken. In seinen Werken will das Gewesene und das Künftige nicht ruhen, es will ins Jetzt zusammenbrennen. Alle Werte, gleichviel ob sie Gefühl oder Erscheinung werden, sind hier musikalische Werte. Seine Musik kennt keine Moral der Schuld, der Strafe, keine Religion des bloßen Meinens, keine Theologie der konfessionellen Bekenntnisse, die nicht das Wesen enthüllen, sondern nur historische Neuigkeiten sammeln. Tugend und Wahrheit sind darin etwas Ästhetisches. In der großen Persönlichkeit lassen sich die Ideale nicht voneinander abspalten. Die Vernichtung des einen vernichtet alle übrigen mit. Die Fähigkeiten sind verschieden, doch sie unterliegen nicht der Beurteilung durch Verdammung und Belohnung, höchstens der Scheidung durch Spott, Gelächter, Ironie und - Begeisterung. Der Humor wendet sich an die zerstreute Vielfalt, der Ernst an die gesammelte Einheit. "Die Höhlung, welche das geniale Werk in das uns Umgebende gebrannt hat, ist ein guter Platz, um sein kleines Licht hineinzustellen." (Franz Kafka, ´Tagebuch`, 1913) |