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  2 ZWEI-MANN-ORCHESTER (1973)

 

von Mauricio Kagel (1933*)

mit Wilhelm Bruck und Theodor Ross

"Tinguely würde vor Neid erblassen" titelte ein Kritiker nach der Uraufführung mit BRUCK und ROSS. Zwei Spieler, Gefesselten gleich, eingezwängt inmitten einer labyrinthischen Dingwelt, Gewirr von Geräten, Knäuel von Schnüren, Seilzügen, Transmissionsriemen, teils Werkstatt, teils Müllplatz, teils Folterkammer. Das Gebilde des Zwei-Mann-Orchesters, zwei Ein-Mann-Orchester, besteht aus unübersehbar vielen Elementen; ferngelenkte, mit nahezu allen Körperteilen der Ausführenden verbundene Klangerzeuger, die auf mechanische Weise und aus Distanz zum Klingen kommen.

Nach aufsehenerregenden Auftritten des DUOS BRUCK-ROSS mit je 4-10 Konzerten in Donaueschingen, Köln, Berlin, Paris, Amsterdam, etc. und einer TV-Produktion des SWF, wurde die Maschine zum Prunkstück der Instrumentensammlung des Gemeente-Museums Den Haag. Anläßlich der DOCUMENTA IX bauten BRUCK-ROSS eine weitere Orchestermaschine für dieses abendfüllende Spektakel.

"Im Verlauf der Proben wurde erst in erschreckender Weise deutlich, wie abnorm und zugleich vertraut ein Mensch wirken kann, der musikalische Fließbandarbeit darzustellen hat."

                                                                                                                                                                                                             (Mauricio Kagel)
ZWEI-MANN-ORCHESTER: TECHNISCHER AUFFÜHRUNGSRAHMEN
Ein Brief zum Stück:

"Ich schreibe an Deine Privatadresse, weil ich unbedingt verhindern möchte, daß mein Donaueschinger Projekt 72 unterschwellig bekannt wird, bevor alles perfekt ist. Zu diesem Plan entschloß ich mich, als Du mir erzähltest, daß für 71 ein Round-table-Gespräch geplant ist mit dem Thema `Nach der Ära des Orchesters, was nun?´ (Titel aus der Erinnerung zitiert)* Was nun? Ein Stück für zwei Orchester-Männer, die nach dem Modell jener Straßenmusikanten und Musik-Clowns mit Füßen, Knien, Ellenbogen, Unterarmen, Handgelenken, Händen, Nacken, Kopf, Mund und womöglich auch dem Unterleib eine entsprechenden Anzahl von Instrumenten auf einmal zu bedienen vermögen.Wie Du siehst, kein leichtes Unterfangen, kein Einsatz für ein Orchester und doch in der Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten, in der Visualisierung des Instrumentalen und im Ansatz ein echt Kagelsches Stück. Beide Interpreten sollen THEODOR ROSS und WILHELM BRUCK sein. Ich werde in Köln mit ihnen proben und diese lebenden Skulpturen in meinem Studio aufbauen." (Mauricio Kagel am 18. Febr.1971 an Otto Tomek)

*Die erwähnte Diskussion fand in Donaueschingen unter dem Titel `Sinfonieorchester in verwandelter Welt´statt.